Aktuell – Kurz notiert
Matthias C.E. Preiswerk im Interview mit Felix Erbacher

"Die kurzfristigen Perspektiven sind positiv"

Privatbankier Matthias C.E. Preiswerk erwartet jedoch langfristig eher schwierige Börsen
 
Herr Preiswerk, Sind wir aus dem Gröbsten der Finanzkrise heraus?
Die Finanzkrise hat die ganze Weltwirtschaft getroffen. Dabei ist sehr viel zerstört worden, was wir zum Teil für nicht möglich gehalten haben. Wir sind dabei, mit immensen Staatsmitteln die Trümmer des Erdbebens zu entfernen und hoffentlich auf sicherem Grund wieder ein Fundament zu legen. Die Fragilität des ganzen Systems ist aber nach wie vor gross und nicht vor Nachbeben geschützt.
 
Wie ist ihre Bank davon betroffen worden?
Die Vermögen unserer Kunden haben zum Teil erhebliche Einbussen hinnehmen müssen. Davon sind auch wir betroffen. Dies wirkt sich natürlich sofort auf der Einnahmenseite aus. Da wir aber seit Jahren keine Hedge-Fonds und auch keine eigenen Produkte in unserer Asset-Allocation verwenden und Fremdprodukte sehr genau prüfen, bevor wir sie unseren Kunden empfehlen, hatten wir auf dieser Seite keine Probleme zu bewältigen.
 
Sie haben sicherlich einen respektablen Portfeuille-Zuwachs erhalten…
Ein Trend hin zu kleineren und spezialisierten Banken ist auch bei Baumann & Cie spürbar. Klar ist aber auch, dass die Erwartungshaltung der Kunden deutlich angestiegen ist, was mich persönlich freut, da dies die Arbeit in der Vermögensverwaltung spannender denn je macht. Wir sind mit dem Zuwachs ausserordentlich zufrieden und freuen uns über das uns entgegengebrachte Vertrauen.
 
Hat die Krise auch negative Effekte auf ihre Bank gehabt?
Unsere Branche und vor allem unser Branchen-Leader haben sich in den vergangenen Monaten (und Jahren) – milde ausgedrückt – nicht nur geschickt in Szene gesetzt, sodass wir alle darunter zu leiden haben. Auch der Finanzplatz Schweiz als einer der weltweit grössten Anbieter in der Vermögensverwaltung war dadurch negativ in den Schlagzeilen. Dies spüren wir sehr, da zwischen den verschiedenen Bankformen in unserer Branche kein grosser Unterschied gemacht wird. Wenn wir als Privatbanquiers die Gelegenheit erhalten zu erklären, dass wir eine Gesellschaftsform pflegen, die auf einer vollhaftenden Partnerschaft basiert und dadurch schon innerhalb des Unternehmens das gegenseitige Vertrauen und nicht das schnelle Gewinnstreben matchentscheidend sei, so spüren wir oft eine sehr positive Reaktion.
 
Haben Sie die Geschäftspolitik angepasst?
Wir haben in verschiedenen Geschäftsfeldern bei unserem Korrespondentennetz sehr schnell Anpassungen durchgeführt. Das Gegenparteien-Risiko wurde zum ständigen Thema in den Sitzungen der Teilhaber. Für unsere Bank stehen bei einer Geldanlage seit jeher die Eigenschaften wie Transparenz, Einfachheit, Qualität und Liquidität im Vordergrund. Diese Grundsätze gelten sowohl für einzelne Produkte als auch für unsere Anlagepolitik. Somit mussten wir durch die Finanzkrise keine Konsequenzen für unsere Anlagepolitik oder für die Auswahl der Geldanlagen ziehen. Im Gegenteil – die Krise hat uns, in unserem Ansatz, bestärkt.
 
Ihre Bank hat in den letzten Monaten Werbung und Marketing massiv verstärkt. Hat sich das schon ausbezahlt?
Durch eine Marktbefragung vor der grossen Krise ist uns bewusst geworden, dass der Markt Baumann & Cie nicht wirklich wahrnimmt. Aus diesem Grund haben wir die Werbung verstärkt. Dass die Lancierung der „Aktion“ zeitlich mit dem Ausbruch der Finanzkrise zusammen traf, war im Nachhinein ein glücklicher Zufall, der dazu geführt hat, dass wir als Alternative für einen Bankenwechsel bei einigen Kunden überhaupt erst in Frage kamen.
 
Aus welchen Regionen stammen ihre neuen Kunden schwergewichtig?
Die Kunden stammen mehrheitlich aus der näheren Umgebung.
 
Sie haben auch in Zürich eine Niederlassung eröffnet. Warum?
Wir eröffneten unsere Filiale in Zürich am ersten Juni. Im Vermögensverwaltungsgeschäft ist Zürich neben Genf eindeutig der wichtigste Platz in der Schweiz. Der Wettbewerb ist dort deutlich grösser als in Basel. Dies zwingt uns fit zu bleiben. Wir lernen täglich und dies ist für unser kleines Unternehmen sehr gut. Der Anspruch auf dem Platz Zürich erfolgreich zu sein, stellt eine hohe Anforderung an alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Sind Genf, Lugano oder gar das Ausland auch ein Thema?
 
Das Ausland ist im Moment nicht in unserem Fokus, auch wenn wir natürlich sehen, wie sich die Märkte im Nahen, wie im Fernen Osten entwickeln. Für Baumann & Cie liegt der Fokus eindeutig in der Schweiz. Wo die Entwicklung letztlich hinführt, wissen wir alle nicht, doch eines ist uns bewusst: Mit unserer Gesellschaftsform als Privatbanquiers, zu der wir mit Überzeugung stehen, ist nur ein organisches Wachstum möglich. Wir Teilhaber zusammen mit unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen unsere Kunden kennen, verstehen und beraten können und dies geht nur bis zu einer gewissen Grösse.
 
Wie wird sich Ihrer Meinung nach der Bankenplatz Basel strukturell entwickeln?
Der Bankenplatz hat sich in der Vergangenheit enorm entwickelt. Die Tatsache, dass mehr Banken auf diesen Platz gekommen sind, hat den Wettbewerb erhöht, was gut ist. Leider ist keine Leader-Bank mehr vorhanden, was ich äusserst bedaure und sich für den Platz negativ auswirkt. Am Ehesten könnten die beiden Kantonalbanken übernehmen, nur fehlen diesen beiden Instituten die Unabhängigkeit und die Internationalität, um für den Platz Basel und die Regio die Leader-Rolle zu spielen.
 
Wie schätzen Sie die momentane Börsenlage ein?
Die Erholung der Aktienmärkte hält nun bereits sechs Monate an. Dabei wurde unseres Erachtens die massive Übertreibung der Märkte nach unten gegen Ende des vergangenen Jahres sowie zu Beginn des laufenden Jahres korrigiert. Mittlerweile haben sich die Risikoprämien zurückgebildet und zeigen aktuell keine Unterbewertung mehr. Ebenso hat sich die Volatilität normalisiert. Die Bewertungen sind nur noch teilweise attraktiv. Technisch gesehen befinden sich die Märkte in einer Aufwärtsbewegung. Die nach wie vor reichlich vorhandene Liquidität, welche Anlagen sucht, sowie das positive Momentum und die freundliche Stimmung lassen uns eine weiterhin positive Entwicklung der Aktienmärkte erwarten. Wir erwarten aber in nächster Zeit einen zunehmend selektiveren Markt.
 
Welches sind die Perspektiven kurz-, mittel- und langfristig?
Die kurz- bis mittelfristigen Perspektiven gestalten sich positiv. Gründe hierfür sind, wie schon beschrieben, die reichlich vorhandene Liquidität, das positive Momentum und eine freundliche Stimmung an den Aktienmärkten. Leider lässt sich diese positive Stimmung an den Märkten fundamental nicht belegen. Die Wirtschaftsdaten deuten eher auf eine langsame und schwierige Erholung hin, weshalb wir langfristig eher vorsichtig mit einer Prognose sind.
 
Was raten Sie einem vorsichtigen Investor konkret?
Wir raten grundsätzlich jedem Anleger seine Anlagen nach dem Prinzip Einfachheit, Transparenz, Liquidität und Qualität auszuwählen. Insbesondere vorsichtige Investoren sollten stark auf diesen Ansatz achten. Ausserdem ist eine gesunde und auf den Kunden abgestimmte Mischung zwischen Liquidität, Aktien, Obligationen und Rohstoffen Pflicht. Anleihen ausgewählter Staaten, Gold und Aktien von grundsoliden Unternehmen helfen, das Risiko im Portfolio reduzieren und trotzdem einen angemessenen Ertrag erwirtschaften.
 
…und was einem aggressiven?
Es gibt mehrere Wege, wie sich ein aggressiver Anleger an den Märkten positionieren kann. Zum einen kann er das Verhältnis zwischen Liquidität, Obligationen und Aktien zugunsten des Aktienanteils verändern und somit gegenüber einem konservativen Anleger eine höhere Rendite erwirtschaften. Zum anderen kann er aber auch bei der Auswahl der Anlagen die geforderte Qualität reduzieren und dadurch einen Mehrwert generieren. Als Beispiel kann hier der Kauf einer Anleihe eines Unternehmens mit schlechterer Bonität oder der Kauf einer Aktie aus den Schwellenländern angeführt werden. Allerdings erfordern beide Wege eine stärkere Überwachung des Portfolios weil mit steigenden Ertragschancen das Risiko entsprechend steigt.
 
Wenn Sie an die börsenkodierten Unternehmen der Region Basel denken, welches sind Ihre Favoriten?
Momentan favorisieren wir neben Roche und Novartis die Syngenta AG. Die anhaltende Zunahme der Weltbevölkerung wird die Nachfrage nach Lebensmitteln und entsprechend die Nachfrage nach Saatgut und Pflanzenschutzmitteln weiter steigern. Wir sind der Meinung, dass Syngenta auf Grund Ihrer starken Marktposition und ihrer ausgezeichneten Produkte von dieser Entwicklung profitieren kann. Ausserdem war Syngenta auch in Stagnationsjahren in der Lage, hohe Margen und viel freien Cashflow zu erwirtschaften.
 
Welche Prioritäten haben Europa, USA, Asien und Südamerika?
Wir sehen die Schwellenländer – Emerging Markets – als Motor der Weltwirtschaft. Zwar werden die Entwickelten Länder stärker wachsen als noch im Frühjahr prognostiziert wurde, aber die Erholung wird deutlich schwächer ausfallen als in den Schwellenländern. Dabei wird die relative Wirtschaftsleistung der Industrienationen weiter zurückgehen und die Bedeutung der weniger entwickelten Länder immer grösser.
 
Die Zinsen liegen tief, die Cash-Bestände hoch. Wo soll man am besten Cash parkieren?
Wenn bei einem Anleger die Unsicherheit enorm gross ist und er jegliches Vertrauen in die Wirtschaft, das Finanz- und Bankensystem verloren hat, dann gibt es lediglich die Geldmarktbuchforderung der Eidgenossenschaft zu empfehlen. Bei Anlegern, die zuversichtlicher in die Zukunft blicken raten wir zu Obligationen oder Unternehmensanleihen mit kurzen Laufzeiten. Dabei sollte verstärkt auf die Qualität des einzelnen Unternehmens geachtet werden. Ausserdem sollte der Anleger, insbesondere bei kurzlaufenden Obligationen, die Kosten, welche die Rendite schmälern, im Auge behalten. Bei grundsoliden und erstklassigen Unternehmen wie beispielsweise Novartis raten wir momentan sogar zu einem Aktienkauf.
 
Arbeiten Sie mit Hedge Funds und/oder Derivaten Produkten?
Produkte dieser Art setzen wir nicht ein. Wie zu Beginn schon erwähnt, halten wir uns bei der Auswahl unserer Geldanlage an unsere Grundsätze wie Einfachheit und Transparenz. Oft scheitern Hedge Funds oder Derivate an dieser Hürde und werden deshalb nicht gekauft oder empfohlen. Sollte ein Kunde Produkte dieser Kategorie jedoch wünschen, kaufen wir diese für Ihn. Allerdings besprechen wir jedes dieser Produkte mit dem Kunden und klären ihn über allfällige Risiken und Chancen auf.